Die Liebe zum Laufschuh

 

Viel braucht man nicht, wenn man anfangen möchte zu laufen. Man braucht sich selbst, Kleidung, die sich irgendwie zum Sport eignet und ein Paar Schuhe.

 

Mein erster Laufschuh, den ich über alle Maßen geliebt habe, habe ich mir gar nicht mit dem Ziel des Trainings, sondern mit dem des Reisens gekauft. Mit einer Freundin habe ich im Studium eine Interrailreise durch Europa gemacht. Dafür brauchte ich leichte, aber bequeme Schuhe, die mich durch Europa tragen. Diese Schuhe (Nikes – bevor Nike zu dem Sneaker schlechthin wurde) haben mich von Amsterdam nach Brügge, St. Malo, Mt. St. Michel, Bordeaux, Arcachon, San Sebastian, Madrid, Granada, Barcelona, Cassis, Nizza, Genova, Pisa, Florenz, Sienna, Venedig….und wieder nach Hause getragen. Sie haben all das gesehen. Erst danach sind sie mit mir gelaufen – in Bielefeld, in Bayreuth und in Hannover und Celle. Sie waren die Schuhe meines ersten Volkslaufes. Und sie haben mich durch meine ersten Wettkampf-10K getragen! Dieses Paar Schuhe ist wesentlich mehr Kilometer mit mir gegangen und gelaufen als gesund gewesen wäre. Es kamen andere Schuhe dazu, sodass sie immer weniger zum Einsatz kamen, bis sie endgültig entsorgt worden sind. Aber nicht, ohne noch einmal inne zu halten, sie anzusehen und all das noch einmal zu erleben.

 

 

Unsere Laufschuhe tragen uns durch die Höhen und Tiefen der Läufe. Sie sind beim Lachen und Weinen, beim Fluchen und Jubeln, bei Hitze, Regen und Schnee dabei. Dieses eine Paar Schuhe hätte sicherlich mehr von mir erzählen können als so mancher Mensch, der mich im Leben schon begleitet hat. Könnten Schuhe reden, sie würden alles über uns Läufer offenbaren können. Sie kennen unsere Geheimnisse und Erinnerungen. Ein bisschen ist es, als speicherten sie unsere Erlebnisse wie Horkruxe – nur nicht mit schwarzer Magie. Aber sie reden nicht. Sie warten nur immer wieder darauf, dass wir sie aus dem Schrank nehmen, schnüren und loslaufen. Dass wir neue Erinnerungen mit ihnen schaffen. Unsere treuen, stummen, schönen, langen Begleiter.